Mädelsabend für Unternehmerinnen

Nicht Männer behindern Karrierewünsche von Frauen, sondern Frauen selbst, findet Saina Bayatpour. Um das zu ändern, hat sie die Business-Women-Society gegründet

Mädelsabend für Unternehmerinnen

Als sie ihr erstes Unternehmen gründet, ist sie gerade 26 Jahre alt und studiert noch. "Was für eine Idee - total bekloppt", sagt die heute 36-Jährige: "Während des Studiums - Wahnsinn." Saina Bayatpour sitzt in ihrem Büro in der Münchener Innenstadt auf einem großen schwarzen Ledersofa, die Beine angewinkelt. Licht flutet durch die hohen Fenster auf den dunklen Parkett-Boden, überall stehen kleine Engel und Buddha-Statuen. Die Unternehmerin trägt große goldene Ohrringe und dunkles Make-up. Ansonsten ist sie eher der sportliche Typ: T-Shirt, Jeans, weiße Turnschuhe. Sich verstellen? Das ist nicht ihre Art.

Sich als junge Unternehmerin selbst zu finden, klappt nicht auf Anhieb. Zuerst sei sie zu emotional gewesen. Doch zu emotional könne man kein Unternehmen führen. Also sei sie härter geworden, "wie ein Mann", sagt sie. Doch in dieser Rolle gefällt sie sich noch weniger. Es dauert eine Weile, bis sie ihren Stil findet. Mittlerweile führt sie ein erfolgreiches Unternehmen, die Eventmanagement-Agentur Preferred World, die unter anderem Geschäftsstellen auf Ibiza, Mallorca und in Abu Dhabi unterhält. Als Frau sieht sie sich immer wieder mit verschiedensten Vorurteilen und Rollenbildern konfrontiert.

In Abu Dhabi fällt es ihr besonders schwer, Geschäfte zu machen. Hinter einem Mann laufen? Absurd, findet sie. Auf den Scheich, einen Geschäftspartner, warten, nur weil der gerade auf seinem Privatplatz golfen will? Absurd! Also ist Bayatpour losgestapft. Auf den Golfplatz. Ohne Erlaubnis. Und hat verhandelt. "Das habe ich zweimal so gemacht. Dann gab es die offizielle Erlaubnis", erzählt sie.

Saina Bayatpour kommt in der iranischen Hauptstadt Teheran zur Welt. Wenige Monate später bricht der erste Golfkrieg aus. Sie wächst mit einem gepackten Koffer in der Ecke ihres Zimmers auf, versteckt sich vor den Bomben im Keller. "Ich habe sieben Jahre Krieg erlebt. Ich weiß, wie das ist", sagt sie. Die Familie entschließt sich zur Flucht, als dem älteren Bruder der Militärdienst droht. Da ist Saina Bayatpour acht Jahre alt.

Sie beantragen ein Touristenvisum für die Ausreise. Der Bruder geht zuerst, dann folgen Saina und ihre Mutter. Der Vater soll nachkommen, damit die Fluchtabsichten der Familie nicht offensichtlich werden. Bis er sein Visum bekommt, vergehen zwei Jahre. Kurz vor der Ausreise stirbt er mit Anfang 40 an einem Herzinfarkt. Es dauert weitere 15 Jahre, bis die Familie an seinem Grab trauern kann, vorher hat die Verhaftung in Iran gedroht.

In Deutschland müssen die Bayatpours komplett neu anfangen. Die ersten Jahre wohnen sie in einer Pension, während über ihren Asylantrag entschieden wird. "Wir durften keine eigene Wohnung haben, nicht arbeiten, haben Kleidermarken bekommen", sagt Saina Bayatpour. In der Schule ist sie Außenseiterin. Besonders für ihre Mutter ist das neue Leben in Deutschland schwer. In Iran war sie eine berühmte Nachrichtensprecherin, nun steht sie vor dem Nichts. Sainas ehemaliges Spielzimmer allein war größer als das Zimmer der Pension, in dem sie jetzt mit der Mutter und dem Bruder leben muss.

Doch ihre Mutter erzieht sie von Anfang an zu einer selbständigen jungen Frau. "Sie hat mir alles ermöglicht", sagt Saina Bayatpour. "Egal, was ich machen wollte, sie hat mir das Gefühl gegeben, alles erreichen zu können." Die Mutter ermutigt die Tochter, "nach den Sternen zu greifen", wie sie es nennt. Ihren heutigen Erfolg führt Saina Bayatpour besonders auf die Mutter und deren Selbstverständnis zurück. "Für mich ist sie eine Heldin", sagt sie. Die Werte, mit denen sie erzogen worden ist, möchte sie an andere junge Frauen weitergeben. Doch zu Beginn ihrer Karriere bemerkt sie zunächst ein ganz anderes Phänomen.

Oftmals seien es Frauen, nicht Männer, die die Karrieren anderer Frauen behindern würden, findet sie. Das möchte sie ändern, denn eigentlich möchte sie mit mehr Frauen Geschäfte machen und auch mehr Frauen in Führungspositionen sehen. "Frauen führen anders", sagt sie. Weicher, emotionaler. "Anders bedeutet nicht gleich schlechter." Doch Networking-Partys speziell für das weibliche Geschlecht sind ihr entweder zu spießig oder sie empfindet sie als "männerhassende Emanzen-Veranstaltungen".

Sie nimmt die Sache selbst in die Hand und gründet die Business-Women-Society. Keine einfache Networking-Party, auch Schönheitsprodukte werden angeboten, Reiseanbieter stellen sich vor. Eine Art abendliche Spielwiese für die Frau. Ein Mädelsabend mit Hunderten Teilnehmerinnen.

Saina Bayatpour ist angetreten, Frauen allen Alters, aller Couleur zu vernetzen. Dementsprechend ist auch das Publikum auf ihren Veranstaltungen. Da steht der Typ russisches Model neben der strengen Lehrerin und der Mutter mit Knieschiene am Bein. Stimmengewirr und Elektromusik füllen den Raum.

Besonders ältere, schon erfolgreiche Frauen hätten versucht, sie in ihrer Karriere zu blockieren, sagt Bayatpour. "Es gibt eine Frau, die will partout keine Geschäfte mit mir machen." Sie vermutet Neid und Konkurrenzdruck. "Wenn du jung und hübsch bist, stecken dich besonders Kolleginnen in die Tussi-Schublade." Frauen seien diesbezüglich schlimmer als Männer. "Frauen können wahre Biester werden. Männer hingegen sind pragmatischer." Saina Bayatpour findet, Frauen sollten sich daran ein Beispiel nehmen, zusammenarbeiten und sich unterstützen. Genau dem soll die Business-Women-Society dienen. Die Veranstaltungsreihe bietet einen Raum, sich kennenzulernen und Geschäfte zu machen.

Ihr ist das so wichtig, dass sie trotz Erkältung nachts lange auf den Beinen bleibt, um teilnehmen zu können. In ihrer Branche ist sie lange Nächte und wenig Schlaf gewöhnt. Zu Beginn ihrer Karriere schafft sie den Spagat zwischen Universität und Unternehmen. Während sie ihre ersten Events plant, schreibt sie gleichzeitig noch ihre Magisterarbeit. Oftmals kauert sie nachts, wenn das Event schon läuft, in einer Ecke und schreibt über "Familiengeheimnisse in der schweizerischen Gegenwartsliteratur" - so der Titel der Arbeit.

Ihre Professoren sind von der Doppelbelastung wenig begeistert und bewerten die Arbeit nur mittelmäßig. Ein Wissenschaftsverlag hingegen veröffentlicht sie wenig später. Daraufhin schickt Bayatpour sie mit einem Post-It an ihren Professor zurück: "War wohl doch nicht so schlecht." Das Kapitel Universität ist damit beendet.

Für die Veranstaltung der Business-Women-Society ist sie an diesem Abend wieder lange wach. Bayatpour hat inzwischen Jeans und Turnschuhe gegen ein schickes Kleid und goldglitzernde Pumps getauscht. Sie strahlt, trotzt der Erkältung, und begrüßt ihre Gäste: "Schön, dass du da bist! Wie geht's?" Zu einigen Frauen ist seit der ersten Veranstaltung vor zwei Jahren eine enge Freundschaft entstanden. Auf der Bühne berichten sie und andere erfolgreiche Unternehmerinnen von ihren Erfahrungen. Bayatpour erzählt ihr Lieblingsbeispiel: "Stellt euch vor: Der eine Mann stellt Autos her, der andere Reifen. Was machen die?", fragt sie und grinst. "Die gehen ein Bier trinken und machen Geschäfte. Aber würdet ihr eine andere Frau einfach so ansprechen?" Einige im Publikum schütteln den Kopf, andere kichern. Saina Bayatpour scheint nicht die einzige zu sein, die den Konkurrenzdruck unter Frauen als blockierend empfindet. Sie erntet in ihrer Rede heftiges Kopfnicken und murmelnde Zustimmung. Viele scheinen sich in dem, was sie sag, wiederzuerkennen. Die Business-Women-Society soll Bayatpour Beitrag für Frauen in Führungspositionen sein. Dabei ist sie selbstkritisch. "Wir müssen etwas ändern", sagt sie.

Vergangenes Jahr hat sie den Phönix Preis der Stadt München gewonnen. Der wird jährlich an Unternehmer mit Migrationshintergrund verliehen, die sich zudem mit einer positiven Unternehmensentwicklung, der Einrichtung von Ausbildungsplätzen und interkulturellem Engagement auszeichnen. "Mich macht es glücklich, die positive Entwicklung von unseren Auszubildenden zu sehen", sagt Bayatpour. Das sei wichtiger als Geld.

Ihre Werte spiegeln sich auch im Arbeitsalltag wider. Es ist ein junges dynamisches Team. Respekt und Akzeptanz seien ihr wichtig, sagt Bayatpour. Deswegen wird es akzeptiert, wenn eine muslimische Mitarbeiterin fünfmal am Tag im Büro betet. Bayatpour zuckt mit der Schulter. Sie kommt zwar aus dem Iran, aber "über die Kirche weiß ich viel mehr als über den Islam", sagt sie und lacht.

 

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/frauen-in-fuehrungspositionen-maedelsabend-fuer-unternehmerinnen-1.2986508